Heuel: Spielt es für Sie eine Rolle, ob Organisationen ihr Führungsmodell wegen des Drucks von außen und aus Imagegründen oder aus voller Überzeugung erneuern? Führt am Ende beides zum Erfolg?
Hey: Ich glaube, etwas nur aus Imagegründen zu verändern, wird schnell in der Belegschaft gespürt und zu viel Unmut führen. Der Prozess des feministischen Führens ist natürlich sehr bereichernd und gleichzeitig unangenehm. Es geht unter anderem darum, sich seiner Privilegien bewusst zu sein und vieles, was wir als "normal" kennen, zu verlernen, und das ist nun mal ungemütlich. Wenn dieser Wille nicht da ist, sich solchen Reflektionen zu stellen, dann wird Veränderung sehr schwer sein. Auch wenn es ein langer und herausfordernder Prozess ist, lohnt dieser auf jeden Fall.
Wolf: Ich denke, der Druck von außen und aus der Mitarbeiter: innenschaft ist oftmals der Startpunkt. Wenn die Veränderungen aber nicht in die Tiefe gehen, wird der Druck eher zunehmen und das Risko von öffentlichen "Skandalen" steigt, wenn nach außen kommunizierte Werte nicht innerhalb einer Organisation spürbar umgesetzt werden.
Heuel: Kann der Sektor, können insbesondere Stiftungen eine Vorreiterrolle für die gesamte Gesellschaft einnehmen?
Wolf: Das können und sollten sie! Welcher Sektor könnte glaubwürdiger Werte wie Teilhabe, Chancengerechtigkeit und Repräsentation vertreten und leben. Der Sektor hat hier eine unglaubliche Chance, voranzugehen und Vorbild zu sein.
Heuel: Sie verstehen FAIR SHARE als internationales Netzwerk. Welche thematischen Unterschiede nehmen Sie international wahr? Gibt es in Deutschland besondere Stärken oder Schwächen beim Thema Leadership?
Wolf: International werden insbesondere die Themen Vielfalt und Repräsentation im Zusammenhang mit Führungs- und Organisationskultur schon wesentlich länger diskutiert als in Deutschland. Wie wir aus unserer internationalen Arbeit und auch Datenerhebungen wissen, hat sich zum Beispiel bei internationalen NGOs in den vergangenen Jahren mehr bewegt: Hier sind bereits die Hälfte von Führungspositionen mit Frauen besetzt und die Diskussion fokussiert sich mittlerweile auf den Abbau von Mehrfachdiskriminierung, wie sie zum Beispiel oftmals Frauen mit Rassismuserfahrung trifft. Sie sind auch international unterrepräsentiert, aber immerhin wird dies als Problem erkannt. Hier hat Deutschland einiges aufzuholen.
Hey: Aus Gesprächen mit vielen Partner:innen wissen wir, dass viele Führungspersonen in Deutschland gerne mehr Veränderungen in ihren Organisationen ermöglichen wollen, es jedoch unter anderem auch durch starre, bürokratische Förderstrukturen erschwert wird. Wenn Stiftungen mit ihrer sprichwörtlichen Kapitalmacht hier neue Wege gehen würden, könnte dies den Wandel hin zu neuen Führungs- und Organisationsmodellen erheblich beschleunigen.
Heuel: Ich danke Ihnen vielmals für das Gespräch!
Das Gespräch führte Dr. Markus Heuel, Herausgeber von Stiftung&Sponsoring, Mitglied der Geschäftsleitung des Deutschen Stiftungszentrums und Herausgeber des Magazins Stiftung&Sponsoring. Das Interview erschien zuerst in Stiftung&Sponsoring, Ausgabe 2/2023.