Dabei gelinge ihm vorbildlich, sowohl die Auseinandersetzung mit als auch den Brückenschlag zwischen westlichen und östlichen Wissenschaften zu suchen, sagt Pradeep Chakkarath, Co-Direktor des Kilian-Köhler-Centrum (KKC) an der Ruhr-Universität Bochum, das die Preisvergabe gemeinsam mit der Köhler-Stiftung koordiniert. "Nandy rezipiert westliche Wissenschaft, hat aber gleichzeitig den kritischen Impetus zu schauen, was sie ganz gezielt macht, um dominierende Stimme zu bleiben. So analysiert er etwa mit der genuin westlichen Psychoanalyse die derart weiterkolonialisierten Menschen – ein Thema, das in der klassischen Psychoanalyse, in der es weit mehr um das Leiden an Sexualität, westlich geprägten Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit und Eltern-Kind-Beziehungen geht, schlichtweg nicht existiert." Um die dominanten westlichen Denk- und Deutungsmuster zu überwinden, bringt Nandy das Konzept des „kritischen Traditionalismus“ ins Spiel. Dieser besagt, dass Indien sich auf seine intellektuellen und sozialen Errungenschaften, etwa in Form von Traditionen der Gemeinschaftlichkeit und der Kooperation, besinnen solle. Eine Rückbesinnung, die übrigens auch im Westen erfolgt, der sich seiner Identität beispielsweise mithilfe der Aufklärungstraditionen vergewissert.
Ashis Nandys akademische Karriere ist eng mit dem Centre for the Study of Developing Societies in Neu-Delhi verbunden, dem er in den 1990er Jahren als Direktor vorstand und heute als Senior Honorary Fellow angehört. Die internationale Strahlkraft seiner Arbeit zeigt sich unter anderem in Fellowships an verschiedenen Universitäten in den USA, Großbritannien und Deutschland sowie der Übernahme des ersten UNESCO-Lehrstuhls am Zentrum für europäische Studien der Universität Trier im Jahr 1994. Der japanische Fukuoka-Preis für Verdienste um die asiatische Kultur wurde ihm 2007 verliehen; ein Jahr später zählte ihn das Magazin Foreign Affairs zu den 100 weltweit bedeutendsten Intellektuellen. Zeitlebens setzt sich Nandy in verschiedenen Organisationen aktiv für Menschenrechte und das Überleben von Kulturen ein. Sein Einfluss auf die politische Debatte in Indien ist immer noch ungebrochen, unbeirrt prangert er die sozialen Folgen des Individualismus an und zieht mit seiner Kritik etwa an der Trickle-Down-Politik den Unmut der Regierung auf sich. Aber auch die Gedanken, die Nandy vor zehn bis 15 Jahren zuletzt in schriftlicher Form geäußert hat, bestimmen den Diskurs in vielen Bereichen. So setzt sich die indische Frauenbewegung intensiv mit dem kritischen Traditionalismus auseinander und wirft Nandy – wie übrigens auch andere indische Intellektuelle – vor, dass er das vorkoloniale Indien romantisiere und entproblematisiere.
Nandys Fähigkeit, nachhaltige politische Debatten anzuregen, ist ganz im Geiste Hans Kilians, nach dem der Preis benannt ist. Hans Kilian (1921-2008), der als Ordinarius für Sozialpsychologie und angewandte Psychoanalyse an der Universität Kassel lehrte, legte in seiner Arbeit Grundlagen für eine interdisziplinäre Analyse der soziokulturellen und psychischen Evolution des Menschen. Dass nach den bisherigen vier Preisträgern, die zu den Repräsentanten westlicher Wissenschaft zählen, mit Nandy nun ein Grenzgänger ausgezeichnet wird, ist sicherlich auch im Geiste Hans Kilians.