"Wichtig ist das Erkennen von Gesichtsfelddefekten insbesondere vor einer Operation", erklärt Neumayr im Interview. "Diese wird oft bei Kindern angewendet, die an einer Epilepsie leiden, welche medikamentös nicht eingestellt werden können. In solchen Fällen kann man dann das Gehirnareal abtrennen oder entfernen, das für die Anfälle verantwortlich ist, da ansonsten ein Risiko für fortschreitende Schädigungen des Nervensystems und schwerwiegende Beeinträchtigungen der geistigen Entwicklung besteht. Wenn sich die Sehbahn im Bereich des Eingriffs befindet, kann es zu einer Hemianopsie kommen. Liegt eine solche schon vor der Operation vor, erleichtert dies natürlich die Entscheidung für den empfohlenen Behandlungsschritt; liegt sie erst danach vor, kann man mit der richtigen Therapie viele Probleme beim Sehen zumindest mildern. Wir konnten in einer Studie zeigen, dass sich die Kinder sechs Monate nach einer solchen Operation an die Situation angepasst haben, auch wenn sie immer noch länger für die Suche nach bestimmten Bilddetails brauchen als vor einem Eingriff. Dennoch ist es ermutigend, wie gut gerade Kinder derartige Beeinträchtigungen verarbeiten können."
Vor allem bei Kindern ist es jedoch im Vorfeld mitunter schwierig, eine Hemianopsie zu diagnostizieren. Bestimmte Fragen zum Seheindruck können sie oft nicht zuverlässig beantworten, andere gängige Testverfahren haben sich aufgrund der geringen Aufmerksamkeitsspanne bislang ebenfalls nicht etablieren können. Lisa Neumayr hat sich daher auch mit einem so genannten Kampimeter beschäftigt, einem neuen Untersuchungsgerät, das mit Lichtreizen arbeitet. Ihren Untersuchungen zufolge kann diese Art der Diagnostik schon bei Kleinkindern effektiv eingesetzt werden. "Bei zwei Dritteln meiner Probanden habe ich so ein konkretes Testergebnis erhalten", erzählt sie. "Parallel dazu habe ich untersucht, inwieweit bestimmte äußere Kennzeichen wie Schielen oder eine bestimmte Kopfhaltung Indikatoren für eine Hemianopsie sein können. Es hat sich gezeigt, dass beides starke Signale sind, die daher insbesondere im epilepsiechirurgischen Kontext eine Gesichtsfeldtestung nach sich ziehen sollten."
Inzwischen arbeitet Lisa Neumayr als Kinderärztin im Klinikum Garmisch-Partenkirchen. Der ZNS – Hannelore Kohl Stiftung ist sie aber weiterhin verbunden: "Ich bin überaus dankbar für das Stipendium, das mir erlaubt hat, ein Freisemester zu nehmen und mich in dieser Zeit voll und ganz auf meine Promotion zu konzentrieren", sagt sie. "Es gibt nicht viele Kinderärzte, die sich auch mit Augenheilkunde beschäftigen, so dass meine Arbeit schon ungewöhnlich war. Ich hoffe, dass sich daraus noch mehr entwickelt. Sowohl im September 2022 als auch im Januar 2023 bin ich auf jeden Fall schon zu Vorträgen eingeladen worden, um meine Forschungsergebnisse vorzustellen."
Bewerbungen für das Doktorandenstipendium 2022 können bis zum 30. September 2022 eingereicht werden.