Priesemann sagte früh einen grundlegenden Kipppunkt voraus, der die Ausbreitungsdynamik von COVID-19 entscheidend beschleunigt: Steigen die Inzidenzen über einen kritischen Wert, wird die Kontaktnachverfolgung weniger effizient und die Dunkelziffer steigt. Damit steigt der Anteil Personen, die nicht weiß, dass sie infektiös sind und sich daher nicht isolieren. Es kommt infolgedessen zu einer sich selbst beschleunigenden Ausbreitungsdynamik, die sogar schneller als exponentiell wachsen kann. Wird dieser Kipppunkt überschritten, werden zusätzlich Maßnahmen wie etwa Kontaktbeschränkungen und erweiterte Hygienekonzepten notwendig, wenn man die Ausbreitung eindämmen will. Gelingt es hingegen, die Inzidenzen niedrig zu halten, ist die Eindämmung einfacher und jede Person kann mehr Kontakte haben, ohne dass es zu einem exponentiellen Wachstum der Inzidenz kommt.
Ihre Erkenntnisse: Während der Pandemie hat nicht nur die Ausbreitung des Virus, sondern auch die von Nachrichten und Fake News ("Infodemie") die Gesellschaften irritiert und verunsichert. Aufgrund der Fülle an Krankheits- und Nachrichtendaten untersucht ihre Forschergruppe das Zusammenspiel von Pandemie- und Infodemie-Ausbreitung am Beispiel der COVID-19-Pandemie. Die Verbreitung von (Fehl-) Informationen zu verstehen, wird bei der Bewältigung künftiger Krisen von entscheidender Bedeutung sein.
Priesemann ist Mitglied des nationalen ExpertInnenrats der Bundesregierung zu COVID-19. Das Bundeskanzleramt hat dieses Gremium mit der Beratung der Bundesregierung auf der Grundlage aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse zur COVID-19 Pandemie beauftragt. Es ist mit WissenschaftlerInnen unterschiedlicher Disziplinen besetzt und erarbeitet Empfehlungen für die Pandemiebewältigung.
Darüber hinaus initiierte Viola Priesemann eine Reihe internationaler, interdisziplinärer Konsensus-Statements, die unter anderem von "The Lancet" veröffentlicht wurden. Als Co-Autorin beteiligte sie sich an Statements, die von den Präsidenten der Fraunhofer-, Helmholtz-, Leibniz- und Max-Planck-Gesellschaft oder von der Leopoldina veröffentlicht wurden.
Priesemann studierte Physik an der Technischen Universität Darmstadt und der Universidade Nova de Lisboa und forschte danach zur neuronalen Informations-verarbeitung an der École normale supérieure in Paris, am Caltech in Kalifornien und am Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt. Im Jahr 2013 wurde sie an der Universität Frankfurt im Fachbereich Physik promoviert. In ihrer Doktorarbeit beschäftigte sie sich mit Ausbreitungsdynamik in neuronalen Netzen und mit der Rolle von Phasenübergängen für die Informationsverarbeitung.
Nach einer Tätigkeit als Postdoc bei prof. Dr. Theo Geisel wurde Viola Priesemann 2014 Fellow am Bernstein Center for Computational Neuroscience Göttingen und bewarb sich 2015 erfolgreich für eine unabhängige Max-Planck-Forschergruppe, die sie seither am Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation in Göttingen leitet. Sie nahm kürzlich einen Ruf an die Universität Göttingen an, nachdem sie 2020 einen Ruf an den Fachbereich Physik der Universität Heidelberg ablehnte.
Viola Priesemann wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter der Wissenschaftspreis Niedersachsen, der Dannie-Heineman-Preis der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen und die Medaille für naturwissenschaftliche Publizistik der Deutschen Physikalischen Gesellschaft. Sie war von 2015 bis 2020 Fellow des Elisabeth-Schiemann-Kollegs und ist Mitglied des Exzellenzclusters Multiscale Bioimaging und der "Jungen Akademie" der BBAW und Leopoldina.
Die Arthur Burkhardt-Stiftung würdigt die Preisträgerin für ihre herausragenden wissenschaftlichen Leistungen auf dem Gebiet der Pandemiebekämpfung. Die Preisverleihung findet am 18. Oktober 2022 in München statt. Die Laudatio hält Prof. Dr. Theo Geisel vom Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation und Bernstein Center for Computational Neuroscience, Göttingen.