
Lieber Herr Professor Michalsen, Sie sind Internist und klinischer Wissenschaftler, wurden zudem in Intensiv- und Notfallmedizin ausgebildet. Warum haben Sie sich dafür entschieden, den Pfad der klassischen Schulmedizin zu verlassen und sich der Naturheilkunde zuzuwenden?
Ich habe meine Zeit in der Kardiologie, Intensiv- und Notfallmedizin als sehr spannend und erfüllend erlebt. Allerdings wurde mir zunehmend bewusst, dass ich beim überwiegenden Anteil meiner Tätigkeit nicht ursächlich, sondern symptomatisch behandle. Die gleichen Patientinnen und Patienten kamen immer wieder in die Notaufnahme, zur Herzkatheteruntersuchung und zu anderen Eingriffen. Ich konnte ihnen jeweils helfen, es blieben aber kein Raum und keine Zeit, um die Ursachen anzugehen, die zumeist im Lebensstil, in der Ernährung, im Stress etc. lagen. Daher beschloss ich, mich diesem Gebiet zuzuwenden.
Manche Menschen stehen der Naturheilkunde kritisch gegenüber. Nicht selten wird sie undifferenziert betrachtet und als unwissenschaftlich abgetan. Was entgegnen Sie der Kritik? Und nehmen Sie eine Veränderung in der Haltung wahr? Haben vielleicht Erfahrungen wie die Pandemie und die Flutkatastrophe die Sensibilität für den Zusammenhang von Gesundheit und Umwelt gestärkt?
Es gibt tatsächlich leider noch viel Unkenntnis und viele Missverständnisse über die Naturheilkunde. Im Grundprinzip versucht die Naturheilkunde durch natürliche Heilmethoden wie Ernährung, Fasten, Bewegung, Wasser und Bäder, Wärme und Kälte, manuelle Verfahren und Massagen sowie Heilpflanzen die Selbstheilungskraft des Körpers zu unterstützen. Der Ansatz ist wissenschaftlich plausibel und durchaus nachhaltiger als ein pharmakologisch-technisches Vorgehen, vor allem bei chronischen Erkrankungen und in der Prävention. Oftmals wird der Naturheilkunde vorgeworfen, dass sie nicht wissenschaftlich fundiert ist. Das stimmt nicht, es gibt zunehmend Evidenz zur Wirksamkeit der naturheilkundlichen Therapieverfahren. Natürlich gibt es noch nicht genug Forschung, das ist jedoch nicht durch eine mangelnde wissenschaftliche Ausrichtung der Naturheilkunde, sondern durch die deutlich geringere finanzielle Forschungsförderung bedingt. Naturheilkunde lässt sich nicht patentieren, insofern ist das Interesse der Industrie gering. In der konventionellen Medizin hingegen werden 90 Prozent der Studien durch die Industrie finanziert. Deshalb ist es so ungemein wichtig, dass Stiftungen die naturheilkundliche Forschung unterstützen. In der Bevölkerung und im Kollegenkreis erlebe ich ein stetig wachsendes Interesse, eine Nachfrage und Akzeptanz der Naturheilkunde. Dies liegt auch daran, dass grundsätzliche Themen wie Gesundheit und Umwelt, Ernährung, Stress, Schlaf, Klimawandel und Wirkungen von Naturexposition Themen der Zeit sind.
Die integrative Medizin vereint schulmedizinische und komplementärmedizinische Therapieverfahren. Die Karl und Veronica Carstens-Stiftung, deren Vorstandsvorsitzender Sie sind, macht sich für diesen Ansatz stark. Welchen Weg geht die Stiftung dabei?
Ziel der Stiftung ist die Integration der sinnvollen, der wissenschaftlich fundierten Naturheilkunde und Komplementärmedizin in die konventionelle Medizin, dieses Konzept bezeichnen wir als integrative Medizin. Wir möchten für diese Verfahren eine bessere wissenschaftliche Grundlage schaffen und auch die Medizin dort, wo ein bestehender Bedarf, eine Not ist, wirksam ergänzen und verbessern. Jüngste Beispiele sind unsere Ausschreibungen zur Forschung der Therapie der Multiplen Sklerose oder die Forschung zu Natur als Medizin (nature-based therapies). Konkret geht es zum Beispiel darum, wie der Aufenthalt in der Natur oder im Wald unsere Gesundheit fördert, wie wir aber gleichzeitig auch die Bedürfnisse der Natur berücksichtigen.