Als Mutter und Tochter gehören Sie zwei unterschiedlichen Generationen an. Inwiefern spiegelt sich dieses – ebenso wie Ihre unterschiedlichen Lebens- und Berufserfahrungen – in der Stiftungsarbeit wider?
Maria Furtwägler: Als ich als Kind von einem Hund im Gesicht gebissen wurde, war die Sorge meiner Mutter, dass eine Narbe bleibt, und dass ich dann später keinen Mann finden würde. Solche Vorstellungen hatte ich nicht für Elisabeth.
Elisabeth Furtwängler: Ich war als Kind das, was man als "Tomboy" bezeichnet, habe viel Sport getrieben (Skateboard, Tennis, Eishockey, Basketball und Fußball), das hat mir großen Spaß gemacht, bis ich ins Teenager-Alter kam, wo ich dann von meinen Freunden zu hören bekam, dass man sowas als Mädchen nicht macht. Rollenzuweisungen an die Geschlechter waren also immer noch sehr präsent.
Maria Furtwägler: Ich habe zunächst Medizin studiert und bin als Naturwissenschaftlerin sehr daten- und faktenaffin. Das schlägt sich auch in der Stiftungsarbeit nieder: Wir erheben zunächst solide Daten zum Thema Geschlechterdarstellungen in Medien und Kultur, aus denen wir dann ableiten, was die Schieflagen sind und wie diese behoben werden können. Meine Verankerung in der Film- und Fernsehbranche macht es für uns leichter, direkt in den Dialog auf Augenhöhe mit Medienschaffenden und Entscheiderinnen und Entscheidern zu gehen.
Elisabeth Furtwängler: Als Musikerin ist es für mich ähnlich, was unsere Arbeit zur Musikbranche betrifft. Wenn man weiß, wie die Leute in der Branche ticken, ist es leichter, die richtigen Hebel zu erkennen und zu nutzen. Und bei unserer Arbeit zu Social Media habe ich auch mehr praktische Erfahrung einbringen können (lacht). So ergänzen wir uns wunderbar in der Stiftungsarbeit.
Die MaLisa Stiftung ist eine der wenigen Stiftungen in Deutschland, die sich explizit für Gender-Gerechtigkeit einsetzt. Haben Sie eine Erklärung dafür, warum sich nicht mehr Stiftungen mit diesem gesellschaftlich so relevanten Thema beschäftigen?
Elisabeth Furtwängler: Wir waren sehr überrascht, dass es in Deutschland so wenige Stiftungen gibt, die zum Thema Geschlechtergerechtigkeit arbeiten. Dabei gibt es noch so viel zu tun: Frauen verdienen für gleichwertige Arbeit deutlich weniger als Männer, der Frauenanteil im Bundestag ist bei der letzten Wahl sogar zurückgegangen, in den Medien, in den Hochschulen, in der Wirtschaft sind Frauen unterrepräsentiert, die unbezahlte Sorgearbeit wird vor allem von Frauen getragen, und jede dritte Frau in Deutschland hat körperliche und/oder sexualisierte Gewalt erfahren, häufig von einem Partner oder Ex-Partner. Das ist ein skandalöser Zustand.
Maria Furtwägler: Die Corona-Pandemie hat dies alles in der letzten Zeit noch verschärft. Die Dringlichkeit der Situation steht in keinem Verhältnis zu der geringen Aufmerksamkeit, die das Thema bisher in der deutschen Stiftungslandschaft erhält. Die Mitglieder des Stifterverbandes könnten hier sicher eine wichtige Rolle spielen, um eine wissenschaftliche Analyse dieses Sachverhalts anzuregen. Insgesamt gibt es noch so viel zu erforschen zu geschlechtsspezifischen Aspekten in allen möglichen Wissenschaftsfeldern.