Meet2respect gibt es als Projekt seit 2013. Wie ist meet2respect entstanden?
2012 ist bei einer Führungskräftefortbildung des gemeinnützigen Vereins Leadership Berlin ein Teilnehmer in der Stadt vor den Augen seiner Tochter zusammengeschlagen worden. Das Motiv war Antisemitismus. Das Vorstandsmitglied von Leadership Berlin, Peter Conrad, hat daraufhin mit einem ihm bekannten Imam die Initiative meet2respect erdacht, die seit 2020 eigenständig als gemeinnützige Unternehmergesellschaft arbeitet. Grundlegende Idee war es, mit Rabbinern und Imamen gemeinsam in die Schulen zu gehen und den Kindern das Verbindende der Religionen zu zeigen. Das Konzept kam so gut an, dass meet2respect dann rasch gewachsen ist. Peter Conrad ist Geschäftsführer von meet2respect.
Frau Colak, Sie sind gebürtige Berlinerin und haben als Muslimin einen Master in interdisziplinärer Antisemitismusforschung gemacht. Wie sind Sie zu diesem Studienschwerpunkt und dann später zu meet2respect gekommen?
Ich bin in Berlin Kreuzberg geboren und aufgewachsen und habe vielleicht auch dadurch einen besonderen Bezug zum Begriff Verantwortung entwickelt. Bei meiner Auseinandersetzung mit dem Thema Rassismus bin ich auf das Thema Antisemitismus gestoßen und bin seitdem überzeugt, dass beide Phänomene unbedingt zusammen betrachtet werden sollten.
Bevor ich als muslimische Referentin zu meet2respect gekommen bin, habe ich bereits zehn Jahre in der politischen Bildung gearbeitet, etwa bei der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus sowie bei Schalom Aleikum, einem Projekt des Zentralrats der Juden.
Persönlich haben mich immer schon Begegnungen mit anderen Menschen inspiriert. Das ist auch der Kern unserer Arbeit bei meet2respect. Wir schaffen Räume für persönliche Begegnungen, um über unterschiedliche Religionen in einem positiven Kontext sprechen zu können. Das passiert sonst viel zu selten und das ist es, was wir mit unseren Besuchen in den Schulen erreichen wollen.
Herr Dray, sie sind als Rabbiner und waschechter Exil-Bayer in Berlin seit 2017 dabei. Der Ansatz der Schulbesuche ist erklärtermaßen, den Kindern zu zeigen, dass der Nahostkonflikt ein territorialer, kein religiöser Konflikt ist. Wie machen Sie das und was heißt das konkret?
Der Konflikt dauert schon sehr lang. Viele Menschen hören immer nur von dem Konflikt und bauen viele Vorurteile auf. Die meisten Leute haben noch nie eine jüdische Person kennengelernt. Viele sind sehr überrascht, dass es eine Menge Gemeinsamkeiten gibt. Viele Speisegesetze von Juden und Muslimen sind sehr ähnlich, wir glauben an denselben Gott, viele Propheten aus dem Judentum sind auch von Bedeutung im Islam.
Durch die Schulbesuche haben sich auf dieser Basis in Berlin inzwischen gute Freundschaften entwickelt. Es sind viele Ehrenamtler bei meet2respect engagiert, deren Communities in Kontakt treten und sich gegenseitig besuchen. Das ist etwas ganz Besonderes, das sich da entwickelt hat, weil diese Gemeinschaften vorher nie miteinander gesprochen haben. Meet2respect hat diese Kontakte ins Leben gerufen.
Ihr Ansatz ist ein Werben für gegenseitigen Respekt. Wie vermitteln Sie das?
Colak: Respekt heißt für uns, dass man sich auf Augenhöhe begegnet. Das ist auch unser Ansatz bei den Schulbesuchen. Wir setzen uns in einen Kreis und treten mit den Schülerinnen und Schülern in einen Austausch, in dem wir die positiven Aspekte der unterschiedlichen Religionen herausarbeiten. Zum Beispiel ist in den Begrüßungsformeln beider Religionen das Wort Frieden enthalten. Wir wollen die Konflikte nicht kleinreden, aber gegenseitiger Respekt ist ein erster Schritt zur Verständigung.