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"Wir sind in tiefer Schockstarre"

"Wir sind in tiefer Schockstarre"

In Berlin gehen Rabbiner und Imame gemeinsam an Schulen und Hochschulen, um für den interreligiösen Dialog zu werben. Dafür wurde die Initiative mit dem Preis der Reuter-Stiftung 2025 ausgezeichnet. Trotz der weiter aufreißenden Gräben durch den Gaza-Krieg hat die Sparliste des Berliner Senats jetzt auch meet2repect getroffen. Ohne finanzielle Unterstützung steht das viel gelobte und wichtige Projekt vor dem Aus. Ein Gespräch mit der muslimischen Referentin Seda Colak und dem Rabbiner Elias Dray.

 

Liebe Frau Colak, lieber Herr Dray, Berlin ist eine Stadt, in der der Nahostkonflikt viele Mitbürger ganz persönlich betrifft. Der Krieg im Gaza-Streifen hat das Zusammenleben daher auch dort beeinflusst. Was hat sich in Ihrer Wahrnehmung seit dem 7. Oktober verändert?

Die Ereignisse vom 7. Oktober und der Gaza Krieg haben natürlich auch unsere Arbeit beeinflusst. Zu Beginn haben wir vermehrt über den Konflikt in dieser Region gesprochen und aus unseren Perspektiven erzählt. Unser Ansatz ist es aber auch, den Jugendlichen zu verdeutlichen, dass wir den Konflikt als territorialen und nicht als religiösen Konflikt verstehen. Das Thema ist emotional geladen und wir als meet2respect sehen an dieser Stelle die Dringlichkeit, weiter für Verständigung und Frieden zu arbeiten, und dafür setzen wir uns ein.
 

Sie haben Ende Februar erfahren, dass der Berlin Senat meet2respect nicht mehr fördern wird. Was heißt das für Ihre Arbeit?

Es ist für uns kaum zu fassen, dass unser jüdisch-muslimisches Schulprojekt, das seit über zehn Jahren erfolgreich läuft, gerade jetzt eingestellt wird, in einer Zeit, in der Antisemitismus und antimuslimischer Rassismus in Berlin sichtbar zunehmen. Diese Entscheidung hat auch weitreichende Folgen. Sie zwingt uns, engagierte Mitarbeiter zu entlassen, fest geplante Workshops an Schulen abzusagen und dringend neue Finanzierungswege zu suchen. Doch unser Projekt ist weit mehr als ein Bildungsangebot – es ist ein zentraler Raum des Dialogs, der gegenseitigen Verständigung und des gesellschaftlichen Miteinanders. Gerade jetzt brauchen wir solche Begegnungsorte dringender denn je, um Vorurteile abzubauen und den gesellschaftlichen Zusammenhalt aktiv zu stärken.

Dray: Wir sind in tiefer Schockstarre. Durch diese Kürzungen werden wir gezwungen, mehr als 150 bereits fest vereinbarte Schulbesuche abzusagen. Das ist ein radikales Versagen – für die Schülerinnen und Schüler, für das Berliner Bildungssystem und ein fatales Zeichen für die Stimmung in Deutschland. Die falsche Entscheidung zur falschen Zeit!

Colak: Die Nachfrage nach unseren Schulbesuchen ist größer als jemals zuvor. Was sollen wir ihnen nun antworten? Es gibt kein Geld und staatliches Interesse mehr an Präventionsarbeit gegen Antisemitismus und Rassismus? Dass gerade jetzt Mittel gestrichen werden, ist nicht nur unverständlich, sondern auch unverantwortlich.
 

Wie kann es trotzdem weitergehen?

Gleichzeitig erleben wir eine enorme Welle der Solidarität. Unzählige Schulen und Lehrer:innen haben uns kontaktiert, weil sie schockiert über die Entscheidung sind und wissen wollen, wie sie helfen können. Es ist ermutigend zu sehen, dass bereits über 1.000 Menschen eine Petition zur Rettung unseres Projekts unterschrieben haben. Zudem haben uns auch einige Politiker:innen ihre Unterstützung zugesagt. Im Moment geht es darum, neue Finanzierungsmöglichkeiten zu finden, damit unsere wichtige Arbeit weitergehen kann.

Elias Dray (li.) und Seda Colak (Foto: Foto: Na'ama Landau)
Foto: Na'ama Landau
Elias Dray (li.) und Seda Colak

 
Meet2respect gibt es als Projekt seit 2013. Wie ist meet2respect entstanden?

2012 ist bei einer Führungskräftefortbildung des gemeinnützigen Vereins Leadership Berlin ein Teilnehmer in der Stadt vor den Augen seiner Tochter zusammengeschlagen worden. Das Motiv war Antisemitismus. Das Vorstandsmitglied von Leadership Berlin, Peter Conrad, hat daraufhin mit einem ihm bekannten Imam die Initiative meet2respect erdacht, die seit 2020 eigenständig als gemeinnützige Unternehmergesellschaft arbeitet. Grundlegende Idee war es, mit Rabbinern und Imamen gemeinsam in die Schulen zu gehen und den Kindern das Verbindende der Religionen zu zeigen. Das Konzept kam so gut an, dass meet2respect dann rasch gewachsen ist. Peter Conrad ist Geschäftsführer von meet2respect.
 

Frau Colak, Sie sind gebürtige Berlinerin und haben als Muslimin einen Master in interdisziplinärer Antisemitismusforschung gemacht. Wie sind Sie zu diesem Studienschwerpunkt und dann später zu meet2respect gekommen?

Ich bin in Berlin Kreuzberg geboren und aufgewachsen und habe vielleicht auch dadurch einen besonderen Bezug zum Begriff Verantwortung entwickelt. Bei meiner Auseinandersetzung mit dem Thema Rassismus bin ich auf das Thema Antisemitismus gestoßen und bin seitdem überzeugt, dass beide Phänomene unbedingt zusammen betrachtet werden sollten.

Bevor ich als muslimische Referentin zu meet2respect gekommen bin, habe ich bereits zehn Jahre in der politischen Bildung gearbeitet, etwa bei der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus sowie bei Schalom Aleikum, einem Projekt des Zentralrats der Juden.

Persönlich haben mich immer schon Begegnungen mit anderen Menschen inspiriert. Das ist auch der Kern unserer Arbeit bei meet2respect. Wir schaffen Räume für persönliche Begegnungen, um über unterschiedliche Religionen in einem positiven Kontext sprechen zu können. Das passiert sonst viel zu selten und das ist es, was wir mit unseren Besuchen in den Schulen erreichen wollen.
 

Herr Dray, sie sind als Rabbiner und waschechter Exil-Bayer in Berlin seit 2017 dabei. Der Ansatz der Schulbesuche ist erklärtermaßen, den Kindern zu zeigen, dass der Nahostkonflikt ein territorialer, kein religiöser Konflikt ist. Wie machen Sie das und was heißt das konkret?

Der Konflikt dauert schon sehr lang. Viele Menschen hören immer nur von dem Konflikt und bauen viele Vorurteile auf. Die meisten Leute haben noch nie eine jüdische Person kennengelernt. Viele sind sehr überrascht, dass es eine Menge Gemeinsamkeiten gibt. Viele Speisegesetze von Juden und Muslimen sind sehr ähnlich, wir glauben an denselben Gott, viele Propheten aus dem Judentum sind auch von Bedeutung im Islam.

Durch die Schulbesuche haben sich auf dieser Basis in Berlin inzwischen gute Freundschaften entwickelt. Es sind viele Ehrenamtler bei meet2respect engagiert, deren Communities in Kontakt treten und sich gegenseitig besuchen. Das ist etwas ganz Besonderes, das sich da entwickelt hat, weil diese Gemeinschaften vorher nie miteinander gesprochen haben. Meet2respect hat diese Kontakte ins Leben gerufen.
 

Ihr Ansatz ist ein Werben für gegenseitigen Respekt. Wie vermitteln Sie das?

Colak: Respekt heißt für uns, dass man sich auf Augenhöhe begegnet. Das ist auch unser Ansatz bei den Schulbesuchen. Wir setzen uns in einen Kreis und treten mit den Schülerinnen und Schülern in einen Austausch, in dem wir die positiven Aspekte der unterschiedlichen Religionen herausarbeiten. Zum Beispiel ist in den Begrüßungsformeln beider Religionen das Wort Frieden enthalten. Wir wollen die Konflikte nicht kleinreden, aber gegenseitiger Respekt ist ein erster Schritt zur Verständigung.

Preisverleihung der Helga und Edzard Reuter-Stiftung 2025 (Foto: DSZ)
DSZ-Geschäftsführer Matthias Schmolz (li.) mit Peter Conrad, Seda Colak und Elias Dray von meet2respect auf der Bühne

 
Sie sind für Ihre Arbeit mit dem Preis der Reuter-Stiftung 2024 ausgezeichnet worden. Das leider erst kürzlich verstorbene Stifterpaar Helga und Edzard Reuter war an der Auswahl der diesjährigen Preisträger noch persönlich beteiligt. Was bedeutet dieser Preis für Sie?

Dray: Über die Jahre hinweg haben wir bereits viele Auszeichnungen für unsere Arbeit erhalten – doch jede einzelne bedeutet uns sehr viel. Der Stiftungspreis der Helga und Edzard Reuter-Stiftung ist für uns eine besondere Anerkennung, weil er unser Engagement für den interreligiösen Dialog und das friedliche Miteinander in Berliner Schulen würdigt. Wir glauben fest daran, dass die Arbeit mit jungen Menschen entscheidend ist, um langfristig Verständnis, Toleranz und Respekt in unserer Gesellschaft zu stärken. Oft werden wir von Schulen gerufen, wenn Konflikte entstehen. In solchen Momenten können wir als religiöse Vertreter eine besondere Rolle einnehmen: Wir bringen eine theologische Perspektive ein, die hilft, Brücken zu bauen, Gemeinsamkeiten zu entdecken und friedliche Lösungen zu finden. Diese Auszeichnung bestärkt uns in unserer Mission und motiviert uns, unsere Arbeit weiterzuführen – für eine vielfältige und respektvolle Gesellschaft. Wir danken Helga und Edzard Reuter-Stiftung für diese wertvolle Unterstützung!
 

Frau Colak, Herr Dray, herzlichen Dank für das Gespräch!

 

Seda Colak, muslimische Referentin bei meet2Respect, wurde in Berlin-Kreuzberg geboren und ist dort aufgewachsen. Sie verfügt über einen Masterabschluss im Bereich der Interdisziplinären Antisemitismusforschung sowie langjährige Erfahrung in der politischen Bildung. Zuvor war sie in verschiedenen Vereinen und Trägern als Bildungsreferentin tätig, darunter bei der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus sowie bei Schalom Aleikum, einem Projekt des Zentralrats der Juden. Im Rahmen von meet2respect führt sie Unterrichtsbesuche und Lehrkräfte Fortbildungen zum Thema Antisemitismus, Rassismus und Nahostkonflikt durch.

 

Rabbiner Elias Dray, geboren und aufgewachsen in Amberg (ein richtiger Bayer!), stammt väterlicher Seite aus Marokko und mütterlicher Seite aus Polen. 2006 erhielt er seine Rabbinerordination in Jerusalem, wo er nach dem Abitur zehn Jahre lebte. Nach seiner Ordination arbeitete er zunächst 8 Jahre in München als Jugendrabbiner. Heute ist er Rabbiner der jüdischen Gemeinde in Amberg, wohnt aber überwiegend in Berlin. Seit 2017 arbeitet er bei meet2respect und führt mit Ender Cetin die meisten Unterrichtsbesuche durch. Er hat außerdem das Präsidium im Landesverband jüdischer Gemeinden in Bayern inne.